Bordeaux - AOP
Wie kann man einer Region gerecht werden, deren Rotweine für den Inbegriff der alten Welt stehen? Die Weinwelt wird in eine „alte“ und eine „neue“ Welt aufgeteilt. Alt ist dabei grob gesagt alles, wo schon seit Jahrtausenden Weinbau betrieben wurde. In diesen Ländern wurden auch die weltberühmten Rebsorten wie Merlot oder Cabernet Sauvignon zum ersten Mal für die Weinproduktion angepflanzt. Neue-Welt-Länder sind solche wie etwa Neuseeland, in denen der Weinbau erst einige hundert Jahre alt ist. Aber zurück zum Thema: schwere, tanninbetonte Tropfen stehen für das Bordeaux wie Frankreich für Baguette und Käse. Alles sind geschätzte Produkte, die zum Genießen einladen. Gerecht werden wird darum schwer und Probieren geht ja schließlich auch über Studieren. Kicke hier um mehr über die Region zu erfahren.
Der Wein braucht Luft!
Viele Sommeliers erkennen mit gekonnter Nase beim Hineinriechen in eine Flasche, ob ein Wein Luft benötigt oder nicht. Falls ja wird der Wein in einen Dekanter karaffiert. Hintergrund dabei ist, dass der Wein an der Luft schneller mit Oxidationsprozessen beginnt, wodurch eine geschulte Nase Jahrgangsschwankungen besser interpretieren kann.
An den AOCs rund um der Gironde, also den Appellations d‘Origine Contrôlée oder auf deutsch: der kontrollierten Herkunftsbezeichnung, unterliegen die Weine je nach Gebiet einem der fünf Klassifikationssystemen. Es gibt die Klassifizierung von 1855, die von Graves, die von Saint-Émilion, die Klassifizierung Crus Bourgeois du Médoc und Cru Artisans. Die Klassifizierung von 1855 geht auf Napoleon III. zurück, welcher ein Château als Synonym für Qualität und Prestige verstand. Die Identität und das Streben danach jedes Jahr besser zu werden beruht auf den Entscheidungen des Châteaubesitzers. Als entscheidender Punkt stellt die Zusammenstellung der Weincuvée oder Assemblage die Königsdisziplin während der Weinbereitung dar. Der Weinberg, den die Winzer das ganze Jahr über bewirtschaften, steht weniger im Vordergund. Heutzutage ist die Terroir-Philosophie mit der Branding-Theorie gepaart.
Rechts vor links?
Selbst, als das Bordeaux noch keine 120.700 Hektar Rebfläche zählte, wurde der Wein bereits in die ganze Welt exportiert. Die Gironde trennt nicht nur das linke vom rechten Ufer, was eine zentrale Rolle in der Klassifikation spielt, sie teilt sich auch ab dem AOC Margaux in die Garonne und Dordogne. Zudem führt sie direkt in den Atlantik und lieferte somit optimale Handelswege in früheren Zeiten, als die Schifffahrt das wichtigste Transportmittel für den Handel war. Mittlerweile beträgt die Gesamtproduktion 5,7 Millionen Hektoliter pro Jahr, wovon 75% Prozent den Qualitätsweinstatus anerkannt bekommen. Ein Fünftel der Produktion fällt auf die Weißen, die sich nicht zu verstecken brauchen (und das auch nicht tun). Schließlich sind gerade die edelsüßen Sauternes und Barsac, die aus der gleichen AOC Region stammen, Weine, die es an die weltweite Spitze geschafft haben. Knackige und trockene Weine mit Charakter werden im südöstlichen Teil angebaut. Über 3.000 „Chateau“ genannte Weingüter stehen mit ihrem Namen für den Inhalt in der Flasche. Dabei spielt die Herkunft der Trauben eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist nur, dass sie auch tatsächlich irgendwo im Bordeaux gewachsen sind.
Die Rotweine werden auf der einen Uferseite, wo auch das AOC Médoc liegt, etwas intensiver und tanninreicher, also „gerbstoffbetonter“, ausgebaut. Der vollmundige Geschmack überzeugt auf ganzer Länge. Die dominierende Rebsorte ist hier der Cabernet Sauvignon, der in Verbindung mit den Anbaubedingungen im Bordeaux für eine perfekte Struktur ohne Ecken und Kanten und eine langjährige Harmonie steht. Hier sitzen die großen und renommierten Chateaus, die für den grandiosen internationalen Ruf stehen.
Klein und fein geht es hingegen auf der anderen Uferseite zu. Hier ist der Merlot die No.1. - fruchtig, weich und seltener (als die andere Uferseite) beschreiben diese Seite kurz und knackig.
Weinbau am 45. Breitengrad
Dank der Atlantiknähe ist das Klima sehr mild. Temperaturschwankungen kündigen sich an und brauchen eine Weile, bis sie auch deutlich spürbar sind. Das Meer ist ein hervorragender Klimaregulator und sorgt für milde Jahreszeiten. Große Wasserläufe und ausgedehnte Waldgebiete puffern zudem Hitzeperioden oder Kaltlufteinflüsse ab. Frostfreie Winter, genügend Feuchtigkeit im Frühjahr und genügend Sonnenstunden bis zur Reife schaffen perfekte Bedingungen für einen problemlosen Reifeverlauf. Die Landschaft ist extrem hügelig, weshalb jede Hanglage ihr eigenes Mikroklima bildet. Daher kann es durchaus sein, dass zwei Weinberge in kurzer Distanz voneinander gelegen zu unterschiedlichen Zeiten reif werden. Selbstverständlich kommt es auch auf die Rebsorte an, ob diese eine früh- oder spätreifende Rebsorte ist.
Wenn sich das Klima einmal für ein Jahr eingestellt hat, dann bestimmt es auch den gesamten Reifeverlauf. Ein „großer“ oder „hervorragender“ Jahrgang benötigt eine Jahressummentemperatur von 3.100°C, mindestens 15 Hitzetage mit Maximaltemperaturen über 30°C, Mindestniederschlagsmengen zwischen 250 und 300 mm sowie mindestens 1.250 Sonnenstunden. Die Bodenformationen bestehen aus viel Kalkstein aus dem Tertiär-Zeitalter, welcher meistens von Sand- und Kiesauflagen bedeckt ist. Solche Böden haben aufgrund der sehr guten Wasserversorgung das Potential Traubenmaterial für weltweite Spitzengewächse zu produzieren. Molasse, was durch die Abtragung eines Faltengebirges entsteht und Lehmböden vervollständigen die Hauptbodenarten des Bordeaux.
Vom „Mittel zum Zweck“ zum „prägenden Stilmittel“
Ursprünglich wurden Weine nur in Holzfässern gelagert, weil es keine andere geeignete Aufbewahrungsmöglichkeit gab. Die dadurch entstandenen Vanille- und Lederaromen wurden hingenommen, während sie heute in gewissen Nuancen, je nach Philosophie des Winzers, durchaus erwünscht sind.
Bordeaux steht für Schätze
Neben der Aufteilung in das linke und rechte Ufer hat jedes AOC doch einen ganz eigenen, ja individuellen Stil, was die Weine unverwechselbar macht. Das Médoc zieht sich 70 Kilometer entlang am linken Ufer der Gironde. Das gemäßigte Ozeanklima am 45. Breitengrad schenkt den AOC Haut-Médoc, Moulis, Saint-Estèphe, Listrac-Médoc, Médoc, Pauillac, Saint Julien oder Margaux das nötige etwas, um weltklasse zu sein. Um ehrlich zu sein hätte jedes dieser AOC einen eigenen Text verdient. Margaux liefert ständig Jahrgänge, die sich zum vorherigen unterscheiden – Cabernet Sauvignon, Malbec, Petit Verdot und Merlot sind die Schwankungen in den Sonnenstunden oder Niederschlag deutlich anzumerken. Kräftige, schwere sowie lagerfähige Weine sind dennoch konstante Synonyme für die 1.530 Hektar. Bei so einem kleinen AOC ist die Nachfrage kaum zu sättigen.
Auf der rechten Uferseite haben die hügeligen Gegenden einen klaren Vorteil bezüglich der Sonneneinstrahlung und -ausrichtung. Blaye de Bourg unterteilt sich in die AOC Blaye, Blaye-Côte de Bordeaux mit dem Fokus auf Weißweinen, Bourg & Côte de Bourg, Côte de Blaye und Blaye-Côte de Bordeaux mit der Spezialisierung auf Rotwein. Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Carménère, Malbec und Petit Verdot werden hier fruchtig ausgebaut. Eine milde und ausgewogene Tanninstruktur schmeichelt dem Gaumen.
Libournais liegt am rechten Ufer der Dordogne. Die Stadt Libournais liegt in unmittelbarer Nähe und verhalf dem Gebiet zu seinen Namen. Entredeuxmers beschreibt das Hügelland zwischen der Garonne und Dordogne. Im Süden, am Ufer der Garonne, vervollständigen Graves und Sauternes das Bordeaux. Zahlreiche klassifizierte „Grand Crus“ und kleinere Weinberge sorgen für das konstante, hohe Niveau. Die AOCs sind Barsac, Cérons, Pessac-Léognan, Sauternes sowie Graves und Graves Supérieur. In Graves sind die internationalen Rebsorten Sauvignon Blanc und Sémillon klare Spitzenreiter. Schließlich fühlen sie sich auf den Böden Sand und Sandstein, Kiesel, Felsen, leichtem Schlamm und Ton sehr wohl. Kräftige Weine mit blumigen und fruchtigen Aromen wie Maracuja, Akazie oder Trockenfrüchte sind der Lohn der Arbeit eines ganzen Jahres. Graves Supérieur hingegen steht für Süßweine aus Sauvignon Blanc und Sémillon. Kandierte Zitrusfrüchte, weiße Pfirsich- und Nektarinenaromen sind typische Aromen, die zu diesen Weinen passen. Auf 153 Hektar innerhalb von Graves gelten diese Weine als Rarität.
Rot, roter, Bordeaux.
In Bordeaux haben die roten Rebsorten ganz klar das Sagen. Es ist sogar gesetzlich definiert, welche Weine aus welchen Rebsorten in die begehrten Bordeaux-Blends dürfen und welche nicht. Die weißen Rebsorten spielen daher eher die zweite Geige, sind aber keinesfalls aus dem Anbaugebiet wegzudenken. Die sechs wichtigen Rebsorten teilen sich in drei rote und drei weiße auf: Sémillon, Sauvignon Blanc und Muscadelle sind die drei wichtigen Weißweinsorten. Colombard, Merlot Blanc, Sauvignon Gris und Ugni Blanc ergänzen den weißen Sortenspiegel. Dabei sind Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc die wichtigsten Roten.
Merlot steht auf zwei Drittel der mit roten Rebsorten bestockten Rebflächen. Diese Rebsorte liefert weiche und runde Weine mit einem Aroma, welches an Pflaume und Feige erinnert. Hinzu kommt, dass Merlot auf feuchten Böden besonders gut heranreift. Cabernet Sauvignon ist auf knapp einem Viertel der roten Weinberge gepflanzt. Als Traditionsrebsorte sorgt sie für die nötige Struktur, kräftige Tannine und dunklen Aromen wie schwarze Johannisbeere, Lakritze und Minze. Mit einem Zehntel Flächenanteil hat der Cabernet Franc seine Daseinsberechtigung. Die Rebsorte reift früh, entwickelt eine Frische sowie typischerweise Himbeer- und Vanillearomen. Carménère, Malbec und Petit Verdot dürfen ebenso in die Assemblage mit hineinverschnitten werden. Genauer gesagt bedeutet das, dass die verschiedenen sortenreinen Grundweine harmonisch miteinander zusammengeführt werden, um sich gegenseitig zu ergänzen.